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„Die Jünger sind roh, stark, unwissend, einfältig ...”

Brentano-024609Im vierten Band der erstmaligen Veröffentlichungen der Urtexte von Clemens Brentano über die Visionen von Anna Katharina Emmerick fallen verschiedene Kapitel auf, die von grundsätzlicher Bedeutung sind. Jozef de Raedemaeker, der belgische Herausgeber, hat in der Einleitung noch einmal die Entstehungszeit dieser Aufzeichnungen geschildert, die er in vier verschiedene Stadien gliedert.

Dabei betont er noch einmal, das im ersten Stadium alles auf Tagebuch-Notizen beruhte: Persönliches, Befinden der Seligen, Mitteilungen über Kindheit und Jugend, über ihre Stigmatisierung, über Reliquien und Heilige und schließlich auch alle Mitteilungen über das Leben Jesu, Mariens und der Jünger und Heiligen.

Das wie ein buntes Durcheinander wirkende Tagebuch spiegelt wider, was sich dem Dichter dargeboten hat, sobald er das Zimmer betrat. Neu für den Leser ist zu erleben, daß der Dichter von Anfang an das volle Vertrauen Anna Katharinas hatte, der das Kommen Brentanos in einer Vision angekündigt worden war.

Da er zur himmlischen Fügung gehörte, teilte sie alles mit ihm, ihre Ängste und Schmerzen, ihre Zweifel, ihre Sorge um Brentanos Verlobte. Sie beteten und sangen gemeinsam, obwohl Brentano kein gläubiger Mensch war. Er war an Fleiß und Akribie nicht zu überbieten. Zu einzelnen Aussagen fügte er einfache Zeichnungen und Skizzen hinzu.

Als ihrer Umgebung deutlich wurde, wie intim ihr Vertrauensverhältnis war, begegnete man ihm mit Neid und Mißtrauen. Warum, so fragte man sich, hatte sie kein so gutes Verhältnis zu ihrem Beichtvater oder ihrem Arzt? Der Grund dafür lag ganz einfach darin, daß alle diese Leute nicht an die Echtheit ihrer Visionen glaubten, und sie das sehr wohl wußte. Sie sah ja nicht nur das Leben Jesu und Mariens und der Heiligen, sondern auch die Machenschaften der Prälaten im Ordinariat von Münster, die Absichten des Generalvikars, wie man sie der Fälschung überführen konnte.

Dies alles verband den Dichter und die stigmatisierte Nonne zu einer verschworenen Gemeinschaft. In ihren Bildern erscheinen oft beide, der Engel (den sie „Führer“ nennt, weil er sie überall hinführte) und den „Pilger“, der ihr Chronist war. Und ihr irdischer Beschützer, der - einem romantischen Helden gleich - sein Leben für sie eingesetzt hätte. Ihr Interesse dagegen war zeitweilig viel nüchterner, denn da sie das Scheitern seiner Liebesaffäre voraussah, bemühte sie sich unentwegt, ihn von einer folgenschweren Hochzeit abzuhalten. Das gelang ihr auch.

Der vorliegende Band ist wieder voller Überraschungen. Das Inhaltsverzeichnis umfaßt mehr als 120 Eintragungen. Auf einige will ich hier näher eingehen. Bei einer Eintragung vom 28. April 1819 ging es um eine Prüfung durch den Generalvikar. Sie sollte seine Gedanken erraten. Bei dieser Notiz verwendete Brentano die vereinbarten Decknamen, die nur er und Anna Katharina kannten:

„Ein Kirchenältester ließ mir einst befehlen, ich sollte seine Gedanken raten, und so ich sie erriete, hatte er gedacht, sie auszuführen. Es wurde mir verboten, sie einem anderen als dem trockenen Oberen (Dechant Rensing von Dülmen) zu sagen, selbst meinem Richter nicht. Ich riet: Er wollte mich an einen anderen Ort bringen. Da aber der Strumpfflicker (vielleicht Rensing) sehr krank war, sagte ich es nicht, weil er vor Gram gestorben sein würde. Ich eröffnete es zuerst dem Schnepfenschüler (Sailer), der mein Schweigen billigte.“

Diese Mitteilung bezog sich auf ein geheimes Vorhaben des Generalvikars, Anna Katharina aus Dülmen zu seinem Landgut Darfeld zu bringen. Er wollte, daß sie seine Gedanken errät, was er dann als Gottes Zustimmung zu seinem Plan gedeutet hätte ...

Es folgt eine Beschreibung Jesu und seiner Jünger, die verdeutlicht, was sich der Herr da für eine „Truppe“ versammelt hatte: „Ich sehe den Herrn still, innig, schimmernd, ohne alle heftige Bewegung, voll höheren Bewußtseins, mit schwebender Seele, unendlich mild und ernst und einfach, tief, mit seinen Jüngern hin- und herziehen. Die Jünger sind roh, stark, unwissend, einfältig, neugierig mit vorgestreckten Hälsen und offenem Mund wie bäurische Neugier die Augen aufreißend. Ihre Bewegungen sind heftig, staunend, winkend, bald überzeugt, bald zweifelnd. Oft trauen sie dem nicht und stecken die Köpfe zusammen und flüstern, und dann sind sie wieder hingerissen und ganz begeistert. Der Herr ist immer voller Freude und hat Geduld mit ihrer Schwachheit.

Er trägt fast nie einen Mantel, stets aber einen schlichten, niederhängenden Rock gleich einem Hemd. Ebenso die Jünger auch, die immer hinter Ihm dreinziehen mit roherer, heftiger Bewegung, als erwarteten sie was, als würde bald wieder was kommen. Sie wissen nicht recht, wie sie mit Ihm dran sind ...

Einen sehe ich darunter, ich halte ihn für Judas. Er ist lang und groß, mit schwarzen Haaren, hat etwas Freches im Angesicht und etwas fuchsige Augenbrauen. Er ist tätiger und geschäftiger als alle, doch selten bei dem Herrn, wenn wenige mit Ihm sind; wenn aber ein großer Haufen um Ihn ist, so ist er dabei und sehr beweglich und sich auszeichnend. Ich sehe immer in ihm etwas, was man jaloux, eifersüchtig nennt; wenn alles vom Herrn begeistert ist, oder wenn Er ausgezeichnet wird und gelobt wird, so empfindet er Unruhe und Neid in sich, das sehe ich, und nichts ist ihm dann recht.

Was mich wundert ist, daß ich mit keinem die Mutter Gottes so viel reden sehe als mit ihm. Es ist, als habe sie Mitleid mit ihm und tröste ihn. Er scheint sonst gutmütig, ich meine, hilfreich gegen Arme; ich sehe ihn austeilen, aber wenn irgendeiner einen Vorzug hat, so wird er verdrießlich und neidisch. Ich habe mich immer gewundert, daß die Mutter Gottes so viel mit ihm spricht.“

In der gleichen Vision sieht sie Maria bei Handarbeiten: „Ich sehe Maria nähen und spinnen an der Spindel und auch wie stricken; es sind aber gelbe Strickstöcke, wohl einen Finger dick, und sie strickt bunte, lange Bahnen von Teppichen. Sie sitzt dabei immer auf der Erde mit untergeschlagenen Beinen. Ich sehe sie auch lesen und beten, die Hände, aber nicht die Finger gefaltet. Auf ihrem Schoß hat sie dabei etwas wie ein Büchelchen so groß, oder mehr wie ein Röllchen, denn Blätter sehe ich nicht darin.“

An einem anderen Tag notiert Brentano über AKE: „Sie hustet nicht mehr so viel, aber sie ist krank und schwer, hat Kopfweh, bald rings um den Kopf, heute nach Tisch über dem linken Auge, atmet schmerzhaft, hat Druck auf der Brust. Ich finde die Hände etwas angelaufener in den Adern und die Wundnarben röter und durch Blutandrang gerötet. Die Augen scheinen erhitzt durch Wachen und Weinen und Blutandrang. Ihre Gesichtsfarbe ist brauner. In den letzten Tagen waren nur die Wangen erhitzt, schwindsüchtig gerötet und einige lebhaft rote Flecken waren im Gesicht, sonst war sie bleich und weiß. Ihre Fingerspitzen schwitzen mehr als sonst. Am Karfreitag haben ihre Wunden wieder geblutet.“

Immer wieder tauchen in ihren Visionen die Freimaurer als eine „dunkle, greuliche Gesellschaft“ auf. Die Bilder von der Zerstörung des Petersdomes durch die Freimaurer wiederholen sich. An den Schürzen, an Winkel und Bleiwaage sind sie sofort zu erkennen. Auch die Rituale mit Maurern an einem Sarg, die Degen in der Hand, tauchen häufig auf.

„Mir wurde gesagt, es sind die Freimaurer, und die Gesellschaft ist voll Finsternis, und der Teufel hat sein Spiel darin.“ Die Logengebäude sieht sie in Frankfurt, aber auch ein Freimaurer aus Münster ist dabei, der auf dem Wege zu ihr war. Es gibt Kenner der Szene, die behaupten, daß den Prüfern der Akten die Aussagen über die Logen gar nicht gefallen haben.

Eine kurze Abhandlung über die Feinde, die immer auf der linken Seite stehen, wird den Prüfern auch nicht gefallen haben. Über eine dieser finsteren Gestalten schrieb Brentano: „Er stand immer auf ihrer linken Seite, auf welcher ihr alle bösen, dämonischen Gestalten erscheinen ... Ihr Führer, Maria, die Heiligen erscheinen ihr immer zur Rechten, fassen sie immer an der rechten Hand.“

Auch von einer neuen Kirche sieht sie in Abständen immer neue Szenen, die ihr Angst machen. Sie erkennt viele große Kirchen: „In diesen machten sie so viele Zeremonien und Spektakel und wirkten sehr wenig mit, ja, sie verscheuchten viele damit, die mit ganz gutem Willen dahin eilten.

Es waren auch gute Menschen darin, aber man merkte sie bei dem Festspektakel gar nicht auf, und sie hatten doch die rechten Mittel. Und ich sah auch eine ganz alte Schar. Die machten auch viele Zeremonien und waren noch viel strenger und emsiger als die Vorhergenden, aber es war gar nichts mit ihnen. Sie waren dabei sehr wüst und rauh. Doch waren viele unter ihnen, die in strenger Einfalt Gott dienten und auf den rechten Weg kamen.“ Das muß man nicht kommentieren. Eine ganz wichtige Rolle spielt in ihren Visionen die Reformation und ihre Folgen. Sie sieht den guten Willen der Protestanten und fügt dann aber hinzu: „Sie haben rein gar nichts.“

Brentano schreibt: „Ich hatte solche Teilnahme an den frommen Getrennten, und mir wurde gesagt, sie hätten bei aller Trefflichkeit doch den Segen nicht, und wenn die Kirche gleich mannigfaltig gesunken sei, so habe sie doch einen ihr hie und da selbst unbekannten Schatz der Gnadenstiftung durch Gottes Gnade vollständig bewahrt. Die Getrennten würden auch wieder sich vereinigen und würden das Muster der Kirche werden.“ An einer Stelle sagt sie mit einem Satz, die Gottesmutter habe ihr gesagt, die Einheit der Christen würde erst nach einem Krieg kommen.

Eine der wichtigsten Visionen in diesem Band bezieht sich auf den Sturz der Engel und die Entstehung der Erde. Sie sagt dazu, daß es ihr erstes Traumbild als Kind war. Sie sah eine große Kugel, gleich einer Sonne, aus der sich Kreise, Ringe und Chöre entwickelten. Genau dieses Bild ist in den Engel-Offenbarungen von Gabriele Bitterlich enthalten, die drei Kreise der Engelhierarchie beschreibt, über denen die Kugel (Sonne) der Dreifaltigkeit steht.

Dann sah sie einen ganzen Teil der „leuchtenden Chöre niederstürzen und sich verfinstern und die anderen (Engel) gegen sie hindringen und die von ihnen verlassenen Räume ausfüllen. Alleine um dieser Offenbarung willen, über die man lange nachdenken muß, lohnt sich die Anschaffung dieses Bandes.

Clemens Brentano, Anna Katharina Emmerick, Visionen, Ende April-Mai 1819, in erstmaliger Veröffentlichung der Urtexte, herausgegeben von Jozef de Raedemaeker, 4. Band, 200 Seiten.  – (cpc)† 

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