Top-GBrief-2

39. Jahrgang, Nr. 32/2005

Unbequem und ungewöhnlich

Anna Katharina Emmerick

Nachricht: Ein am Prozeß der Seligsprechung beteiligter Theologe, der zugleich 21 Jahre lang als Pfarrer an der HI. Kreuz-Gemeinde in Dülmen gewirkt hat, hat Bilanz gezogen und ein wichtiges Buch über Anna Katharina Emmerick verfaßt: Dr. Clemens Engling. Wie kaum ein anderer ist er qualifiziert, die verzögerte Selige historisch und theologisch neu zu entdeckten. Ein gelungenes, faktenreiches Sachbuch, bei dem die Visionen wiederum etwas zu kurz gekommen sind, dessen Stärke aber auch darin besteht, daß der Autor die ganzen politischen und kirchpolitischen Hintergründe dieser Heiligengeschichte sorgfältig aufarbeitet. Eine Heilige, die keineswegs zufällig in die Zeit der Aufklärung und des Kulturkampfes gestellt wurde, die im bischofslosen Münster zu einer besonderen Herausforderung geriet, wird rehabilitiert, nachdem sie nicht nur in Deutschland, sondern viel mehr in Rom unter die Räder geraten war.

Hintergrund: Nach der großen Welle der Anti-Brentano-Kampagnen, die den Seligsprechungsprozeß nicht unverschont ließen, gehörte schon Mut dazu, auch diesem Zeugen der Ereignisse Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Hätte Clemens Engling alle diese Vorurteile wieder aufleben lassen, wäre das Buch keine Erwähnung wert. Doch der Autor erklärt die Zusammenhänge, leistet historische Arbeit und kommt so der Wahrheit wohl ziemlich nahe. Hier und da schimmert noch die Angst vor der vermeintlich „kitschigen“ Darstellung früherer Biographien durch, die ziemlich unbegründet ist, wenn man sich in die Zeit hineinversetzt, in der Anna Katharina gelebt hat.

Das im Echter-Verlag soeben erschienene Buch (352 Seiten, Euro 16.80) ist in den drei Hauptteilen (Ihr Leben im historischen Kontext, Perspektiven einer theologischen und geistlichen Existenz, Anna Katharina Emmerick - Ihre Bedeutung für die Gegenwart) eine fast lückenlose Gesamtschau, wobei die Mystikkenner unter den Lesern bemerken werden, daß die Visionen der „Seherin von Dülmen“ nur ein kleines Kapitel erhielten - der Autor setzt hier voraus, daß die Werke von Pater K.E. Schmöger oder Clemens Brentano vielen bekannt sind. Der Film von Mel Gibson, der im wesentlichen auf den Texten des Dichters beruht, hat auf der ganzen Welt zu einem neuen Interesse für die Selige geführt, was sich in hohen Buchauflagen niedergeschlagen hat. Was wiederum bewiesen hat, daß den meisten Gläubigen der Streit um die Aufzeichnungen Brentanos völlig gleichgültig ist. Einfache Menschen, die seine Bücher gelesen haben, reagieren in der Regel so: Wie sollte ein Nichtkatholik in der Lage gewesen sein, alle diese Details aus dem Leben Christi und seiner Mutter zu erfinden?

Dr. Clemens Engling befand sich beim Schreiben dieses Buches in einer optimalen Ausgangslage - vergleichbar der von Pfarrer Prof. Andreas Witko, der die wichtigsten Bücher über die hl. Schwester Maria Faustine geschrieben hat. Auch Witko war als Priester tätig in der Gemeinde der Heiligen in Krakau-Lagiewniki. In beiden Fällen besteht der Vorteil darin, daß die beiden Priester alle wesentlichen Ereignisse „vor Ort“ kennen und ihre Bücher in genauer Kenntnis der jeweiligen Seligen geschrieben haben. Clemens Engling mußte aber als Vize-Postolator des Seligsprechungs-Prozesses natürlich auf jede Erwähnung dieserhalb verzichten, da er zum Stillschweigen verpflichtet ist. Eine Gratwanderung der besonderen Art, die sich auf das Buch nur positiv ausgewirkt hat, denn für den Autor war letztlich nur wichtig, was von den anderen Beteiligten auf den Tisch gelegt wurde und mit welcher Argumentation.

Die Stärke des Buches liegt u.a. darin, wie der Autor die Vorgeschichte des „Falles Emmerick“ darstellt. Da kommen Sachen zutage, die man wohl geahnt haben kann, die aber schlimmer sind als das bisher Bekannte. Der Grund, warum der Seligsprechungsprozeß 45 Jahre „ruhte“, geht auf ein von Rom nie veröffentlichtes Dekret des HI. Offiziums (heute Glaubenskongregation) vom 30. 11. 1928 zurück, das beschlossen hatte, den Fall „zu den Akten“ zu legen. Was nicht aus dem Buch, aber aus anderen Quellen hervorgeht, läßt die Vermutung zu, daß die Prüfer die Offenbarungen über die Entwicklung der Kirche auf jeden Fall verhindern wollten. Auch in diesem Bereich ist Englings Beweisführung nur in soweit nachvollziehbar, als er auf die Visionen der Seligen nur in einem untergeordneten Kapitel von 15 Seiten eingeht. Wenn man sich die Fülle der Offenbarungen anschaut, die ja keineswegs nur auf Brentano basieren, sondern auf vielen Zeugen, dann stellt sich auch bei der Lektüre dieses Buches die Frage, warum die Oberen der Kirche eine solche Angst vor der Übernatur haben.

Bei Engling ist die gleiche Distanz zum Übernatürlichen zu spüren, die bei den Vertretern der modernen Kirche heute üblich zu sein scheint, doch sie fällt nicht weiter ins Gewicht, da er sich in erster Linie wohl als Historiker versteht. Daran wird das Buch gemessen. Das Erforschen der Quellen hat sich gelohnt. Da tauchen reihenweise jene Gestalten auf, die sich als vornehmste Aufgabe vorgenommen hatten, eine Heilige mit Wundmalen und Visionen zu verhindern. So schreibt z.B. Pater Thomas Wegener (Das Leben der A.K. Emmerick, 1990) vom „unkirchlichen Geist“ der Gebildeten nach der Aufklärung und Säkularisation und nennt dies einen Grund dafür, warum der Seligsprechungs-Prozeß auf Diözesanebene erst so spät angefangen hat. Wegener habe, so Engling, den Bekanntheitsgrad der Seherin auf die „Bücher ihrer Visionen“ und „P. Schmögers große Lebensbeschreibung“ zurückgeführt. Die Übersetzungen ins Englische, Französische und Italienische hätten mehr Beachtung gefunden als die deutschen Bücher. Domdechant Krabbe habe kritisch festgestellt: „Anna Katharina hatte in den letzten Jahrzehnten wegen der Großartigkeit ihrer Begnadungen in der weiten Ferne mehr Beachtung gefunden als in ihrer Heimat Westfalen, wenn wir von Dülmen und Umgebung absehen. Dort war sie in auffallender Weise von Gebildeten und Geistlichen sehr vergessen worden; ihr Leben wie auch ihre Visionen waren den meisten unbekannt.“

Die deutsche Gleichgültigkeit fiel sogar in Rom auf. Theodor Wegener, ein Priester aus Münster, wurde während seines Studiums in Rom vom späteren Papst Pius IX. (1846-1878) sowie von Kardinal Reisach gefragt worden, „warum man sich in Deutschland um die Seligsprechung Anna Katharina Emmericks nicht kümmere“. Als Vikar von Haltern richtete er 1875 an Bischof Johann Bernhard Brinkmann eine dringende Bitte um Eröffnung des Prozesses. „Doch es war Kulturkampf und der Bischof in Holland im Exil bis 1884.“ Im Rückblick drängt sich die Frage auf, was geschehen wäre, wenn sich der Klerus und das gläubige Volk zu Anna Katharina offen bekannt hätten.

Warum sollten sich die Römer beeilen, wenn den Deutschen die Jungfrau aus Dülmen ziemlich gleichgültig war: „Der Seligsprechungsprozeß in Rom dauerte mehr als hundert Jahre, von 1899 bis 2004, wovon er fünfundvierzig Jahre ‚ruhte‘. Unter Datum vom 30. 11. 1928 verfügte nämlich das HI. Offizium (Vorgängerin der heutigen Glaubenskongregation), also nicht die Ritenkongregation, in deren Kompetenz die Prozesse damals lagen, die Causa (der Prozeß) Emmerick solle im Archiv abgelegt werden. Einfach so. Gründe wurden, wie üblich, nicht angegeben.“ So ein Zitat aus dem Bericht von P. Adam. Über die Archivierung der heutigen Seligen wurden weder der Bischof von Münster noch die Verantwortlichen für den Prozeß, die Augustiner-Eremiten, informiert. Das hatte einen Vorteil: Die Arbeit ging verstärkt weiter, weil niemand das römische Urteil kannte.

Die neue Initiative ging von einem aus, dem man es nicht zugetraut hätte: Bischof Heinrich Tenhumberg, der eher für seine Zuneigung zu den Sozialdemokraten bekannt wurde, denn als Verehrer einer Mystikerin. Als Motiv nennt Clemens Engling: „Er wollte offensichtlich gewissen aufklärerischen Tendenzen in der Kirche und Theologie der Nachkonzilszeit gegensteuern.“ Tenhumberg hatte bei seinen Bemühungen das Jubiläumsjahr 1974 im Blick, den 200. Geburtstag und den 150. Todestag der Mystikerin. Seinen Vorstoß in Rom verband er mit der berechtigten Frage, wie es zu der Verfügung von 1928 gekommen sei. Als die Antwort ausblieb, wandte sich Tenhumberg direkt an den Chef der Glaubenskongregation, damals Kardinal Seper, der in seiner Antwort klarstellte, daß der Prozeß von seiner Kongregation nicht behindert würde. Papst Paul Vl. habe, so der Kardinal weiter, das Dekret schon am 18. Mai 1973 approbiert, wovon die Deutschen wiederum nichts erfahren haben.

Warum der Fall damals im Archiv verschwand, verriet P. J. Adam nach Kenntnis der „vertraulichen“ Begründung des Papstes: „Schwierigkeiten machen dagegen die Schriften, die im Falle einer Seligsprechung an Kredit, an Ansehen gewinnen werden. Die Schriften müssen mit kritischem Auge geprüft und ihre Stilform muß bezeichnet werden. Wer ist der Autor, und welchen Wert haben sie? Sind es Visionen oder Phantasie oder Betrachtungen? Wenn die Schriften Phantasievorstellungen sind, so sagen wir es. Doch das ist an sich kein Hindernis für eine Seligsprechung.“ Die Folge dieser päpstlichen Bemerkungen war, daß die Glaubenskongregation die Aufhebung der Archivierung mit der Anordnung verband, daß die der Emmerick zugeschriebenen Texte „noch einmal von Fachleuten begutachtet würden“.

Mit den Gutachten wurden beauftragt der Augustinerpater Ildefons Dietz, damals Vizepostulator, und Prof. Erwin  Iserloh, Kirchenrechtler in Münster. Die Gutachten wurden 1976 und 1978 erstellt und stimmten laut Pater Adam mit dem Urteil des Augustiners W. Hümpfner überein, der die Visionen schon 1924 verworfen hatte: „Von einem verschwindend kleinen Bruchteil abgesehen, ist für die ganze Masse der Visionen allein der, wie bewiesen, höchst unzuverlässige Dichter Brentano der Gewährsmann.“ Dazu der Autor: „Nun hatte die damalige Beweisführung noch nicht zu dem gewünschten Erfolg geführt, die Brentano-Schriften methodisch von der Emmerick zu trennen. Erst nach den bereitgestellten Gutachten trat am 10. Februar 1981 der besondere Kongreß der für die Seligsprechung zuständigen Kongregation zusammen mit fünf Konsultoren und einem Vorsitzenden, die sechs Voten abgaben, die alle für die Wiederaufnahme des Prozesses stimmten, nachdem die Schriftenfrage ja geklärt war. Es wurde allerdings eine historisch-kritische Untersuchung, die sog. Positio, gefordert, die P. Adam erarbeitete, und ein (besser zwei) Gutachten zur Mystik, von denen eins der heutige Leo Kardinal Scheffczyk vorlegte. Erst nach diesen langwierigen und kritischen Klärungen begann der neue Seligsprechungsprozeß, der jetzt zu einem guten Ende gekommen ist und seinen Höhepunkt in der Seligsprechung am 3. Oktober in Rom gefunden hat.“

Man kann darüber streiten, ob das ein gutes Ende war. Denn die Verkürzung der Seligen auf „heroische Tugenden“ und einige andere Begnadungen ergibt nicht das ganze Bild dieser herausragenden Frau. Der Autor selbst folgt insofern dieser Linie, als er die Stigmatisation und die Nahrungslosigkeit auf nur sechs Seiten abhandelt. Wir haben dies in gewisser Form auch beim Prozeß von Pater Pio erlebt, nicht jedoch bei Schwester Faustine, was ganz einfach daran lag, daß die polnischen Beteiligten und ihr Papst in Rom solche Mauscheleien nicht zugelassen haben. Dafür haben dann die Bischöfe den Sonntag der Barmherzigkeit - und somit auch die damit verbundenen Gnaden - völlig ignoriert, besonders in Deutschland. Da Dr. Engling alle wichtigen Quellen zitiert, kann sich der Emmerick-Verehrer seine eigene Literatur hinzuziehen und das Fehlende ergänzen.

Dabei fällt auf, daß der so viel und so häufig geschmähte Pater K. E. Schmöger mit seinem 1872 erschienenen Buch „Das Leben der gottseligen Anna Katharina Emmerick“, das mit einer Approbation vom Limburger Bischof Peter Joseph erschien, noch immer als eine der umfassendsten und besten Darstellungen angesehen werden muß. Schmöger hatte natürlich keine Reserven gegenüber von Brentano, da ihm sein gesunder Menschenverstand wohl gesagt hat, daß der Dichter zur Erfindung eines solchen Werkes unfähig war. Wo Engling den Arzt Krauthausen, der Anna Katharina untersuchte, nur kurz erwähnt, beschreibt Schmöger die Szene um den glaubenslosen Arzt Dr. Wegener, dem Ortspfarrer und Dechanten Rensing, dem Beichtvater P. Limberq und dem zweiten Arzt, Dr. Krauthausen, nicht nur ausführlich, sondern demonstriert anhand von Details, wie der Himmel dafür sorgte, daß die Mystikerin auf bestimmte Ereignisse vorbereitet wurde.

So wurde ihr gezeigt, wie die genannten Herren darüber berieten, wie man bei den Untersuchungen vorgehen wolle. Schmöger: „Während die Genannten die Ausführung ihres Vorhabens im Pfarrhause überlegten, wendete Gott den Blick Anna Katharinas zu ihnen hin, um sie auf das Kommende vorzubereiten. Es befand sich eben Abbé Lambert bei ihr, als sie, die Unterredung plötzlich abbrechend, ausrief: ‚Wie will es mir gehen! Man hält in der Dechantei Rath, daß ich soll untersucht werden. Wenn ich recht sehe, ist mein Beichtvater dabei‘. Bald nach diesen Worten trat der Dechant Rensing in ihre Wohnung und kündigte ihr die beschlossene Untersuchung an.“ (Seite 188) Dechant Rensing schrieb danach am 25. März 1813 einen Brief an den damaligen Generalvikar und späteren berühmten Erzbischof von Köln, Clemens August von Droste zu Vischering, in dem er ohne zu zögern bekannte, es erscheine ihm nicht mehr gut, „die Geheimnisse des Königs aller Könige zu verbergen, sondern weit besser, daß man die Werke Gottes verkündige und Ihn dafür preise“. Zwischen dieser Haltung und der des „Gutachters“ Prof. Iserloh - um nur einen zu nennen - liegen Welten. Nicht erst seit Rahner haben die modernen Theologen und die von ihnen beratenen Bischöfe zum Teil eine panische Angst vor dem Übernatürlichen. Als zahlreiche Gläubige in Fatima berichteten, die Sonne habe sich gedreht und schien auf die Erde zu fallen (ein Ereignis übrigens mit konkreter Bedeutung), sagte ein deutscher Theologe: „Einen solchen Unfug macht Gott nicht.“

Das Buch ist eine ausgezeichnete Materialsammlung, die es dem Leser ermöglicht, alle wichtigen Aspekte dieses Heiligenlebens zu erkennen, wenn manche auch nur kurz gestreift werden. Deutlich wird auch ihr Leben als Sühneopferseele, das mit den Wundmalen gekrönt wurde. Es gibt hier auffällige Parallelen zum Leben von Maria Magdalena Meyer und anderen Leidens-Mystikerinnen, z.B. auch zu Terese Musco. Was den Stand der Verehrung angeht, zitiert der Autor den Dichter Werner Bergengruen, der in einem Reisebericht um 1930 geschrieben hatte: „Mittelpunkt des Croyschen Besitzes ist das alte Städtchen Dülmen, in welchem gesponnen und gewebt wird. Hier steht am Park das herzogliches Schloß. Allein das Zeichen, daß dieser Stadt gebietet, ist nicht der Croysche Herzogshut. Es sind die Wundmale Christi, erschienen am armseligen, leidenden, abgezehrten Körper der Augustinernonne Anna Katharina Emmerick.“

Hinweis: Wer nur einige der Visionenbücher kennt, ist gut beraten, sich dieses Buch zu kaufen, um Antworten auf viele Fragen zu finden, mit denen wir uns beschäftigt haben. Da Pfarrer Engling selbst Vizepostulator des Seligsprechungs-Prozesses war, läßt er die Fakten sprechen und enthält sich des eigenen Kommentars. Dafür kommen aber andere zu Wort. Und das Ergebnis ist spannend und „unbequem und ungewöhnlich“, wie schon der Buchtitel verrät. - (Pfarrer Dr. Clemens Engling, Unbequem und ungewöhnlich - Anna Katharina Emmerick - historisch und theologisch neu entdeckt, Echter-Verlag, 2005 ) - (cpc)†  -

-171053121.0617-

Seite noch oben

Index: AKE-Visionen 

Mystik

AKE-Visionen

       Bitterlich   

Exorzismus

GB-Visionen

 

Zeitung

Mystik

SB