Die Perestroika ist ein trojanisches Pferd

-September 1990 -

Nachricht: Der frühere KGB-Resident in Helsinki, Anatoliy Golitsyn, veröffentlichte 1983 ein Buch unter dem Titel „Neue Lügen für alte“, in dem er alte Entwicklungen in der Sowjetunion und in Osteuropa im Detail voraussagte. Im Plan des Kreml sollen die Kirchen des Westens als Meinungsmacher eine wichtige Rolle spielen.

Hintergrund: Eckehart Lorenz, ev. Pfarrer in Heidelberg, von 1979 bis 1984 Referent für sozialethische Fragen in der Studienabteilung des Lutherischen Weltbundes in Genf, schrieb zu diesem Thema am 20.9. den folgenden Bericht für idea:

War die „Wende“ in Osteuropa geplant? Dafür spricht etwa die Ankündigung vom Fall der Berliner Mauer durch einen Sowjetdiplomaten im Herbst 1987 in Bossey bei Genf auf einer ökumenischen Konferenz der westdeutschen Evangelischen Militärseelsorge. Schon 1985 hat der Ungar  Gyorgy Dalos in dem von ihm veröffentlichten „Kursbuch“ die Auflösung des Warschauer Paktes und eine Demokratisierung in Osteuropa vorausgesagt. Dass tatsächlich ein Plan existiert, und zwar ein hinterhältiger, behauptet das Buch eines Sowjetexperten, geschrieben 1981 bis 1983. Dieses Buch lässt Gorbatschow, die Perestroika und Osteuropas „Revolution“ in einem überraschenden Licht erscheinen. Der Autor ist der frühere KGB-Resident in Helsinki,  Anatoliy Golitsyn. Er wechselte 1961 in den Westen und analysierte zwanzig Jahre lang öffentlich zugängliches und vertrauliches Material über den Warschauer Pakt. Alarmierende Entwicklungen bewogen ihn, 1983 ein Buch unter dem Titel „Neue Lügen für alte“ zu veröffentlichen, das in den letzten Monaten unerwartet aktuell geworden ist.

Golitsyn sagte nämlich die Ereignisse 1989/90 detailliert voraus: Den Fall der Berliner Mauer, eine westmitteldeutsche Einheit, die Rückkehr Dubceks und seiner Freunde in der Tschechoslowakei, eine polnische Koalitionsregierung aus Vertretern von Kirche, Solidarität und Kommunisten, die Liberalisierung in Osteuropa: Amnestie, ja Ämter für Dissidenten, Ausreisefreiheit und Emigrationsrecht für Sowjetbürger, Teilprivatisierung und Dezentralisierung der Wirtschaft, Beschränkung des KPdSU-Machtmonopols, Freiheit für Gewerkschaften, politische Clubs, Künstler und Intellektuelle, regimekritische Filme und Bücher, KGB-Reform, Verfassungsänderungen im Sinne der Helsinki-Schlussakte, weniger Menschenrechtsverletzungen, einen Machtzuwachs des obersten Sowjets und vor allem des Präsidenten, der trotz eines (fiktiven) Kampfes um die politische Führung in Wirklichkeit nur die Befehle der kollektiven Leitung ausführt; dazu: Kritik der Breschnew-Ära, der Afghanistan-Invasion, die Auflösung des Warschauer Paktes.

Und wozu der ganze Aufwand? Nach Ansicht des Autors handelt es sich um Kreide und Mehl für den Wolf zur „demokratisch-sozialistischen“ Imagepflege des Kommunismus, nicht nur wegen Westkapital und -technologie, sondern auch zur Umarmung vor allem von Kirchen und Sozialdemokraten, zur Neutralisierung Deutschlands, Auflösung der NATO, zum Abzug der US-Truppen aus Westeuropa, zu seiner Denuklearisierung und Finnlandisierung, um Volksfrontregierungen hoffähig zu machen in Westeuropa, das man schließlich - wie die Tschechoslowakei 1984 - per Putsch in eine rein kommunistische Diktatur verwandeln wird, dies alles im Rahmen eines kollektiven Systems europäischer Sicherheit unter dem erdrückenden Übergewicht des sowjetischen „Sicherheitspartners“. Die ersten und entscheidenden Zugeständnisse des Westens würden erfolgen, um die Reformpolitik Moskaus nicht zu gefährden. Für den Bereich der UdSSR sei diese jedoch gar nicht ernst gemeint.

Die Perestroijka also ein trojanisches Pferd? Kirchenführer und Wissenschaftler sollen eine zentrale Rolle bei diesem Plan spielen. Gerade sie verkörpern Berufe, die der Wahrheit, aber auch der Begegnung der Völker verpflichtet sind. Deshalb hat ihr Wort Gewicht. Nach den Aussagen des Buchautors waren die meisten Kirchen des Ostens zum Ende der sechziger Jahre ins kommunistische System „integriert“. Von da an begann der systematische Einsatz von Geistlichen als Einflussagenten zur Täuschung des Westens. Und die Kirchen des Westens sind wichtige Meinungsmacher.

Wer die Geschichte des Kommunismus kennt, weiß um die Taktik gezielter Desinformation und Täuschung des Gegners. Doch auch der Kenner im Westen vermag sich ein so gigantisches, weltstrategisch angelegtes und zugleich feingesponnenes Täuschungsprogramm nicht vorzustellen. Golitsyn versteht die Schwierigkeit des Westeuropäers, sich hineinzuversetzen in die Mentalität der Marxisten-Leninisten, hier besonders die langfristige Planung geschichtlicher Prozesse und die missionarische Zähigkeit. Der Autor lädt dazu ein, hinter den vielen taktischen Manövern die strategische Ebene des Plans zu erfassen.

Betrachtet man Golitsyns Buch im Lichte gegenwärtiger Ereignisse, dann spricht einiges für die Gültigkeit seiner These. Da ist zunächst die unglaubliche Trefferquote seiner Prognose. Angesichts der Unschärfe auch kurzfristiger sozialwissenschaftlicher Prognosen etwa zu Wirtschaftstrends oder Wahlergebnissen verdient es Respekt, dass der Experte sieben Jahre nach Abschluss seines Manuskripts in praktisch jedem Punkt durch die Ereignisse bestätigt wird. Weiterhin liefert die Gegenwart zahlreiche Anhaltspunkte, die geeignet sind, Verdacht zu wecken: Der Strom der Ereignisse seit August 1989 fließt so rasch und nahezu reibungslos, als ob jemand das Flussbett vorgebaggert hätte. Die Schlagworte der „Perestroijka“ (etwa: legale Opposition, Parlamentarismus) tauchen zeitgleich auf in Bulgarien, im Südjemen und in der Mongolei. Während der Umbau Osteuropas sich überstürzt, ja sogar das versteinerte Albanien ins Trudeln bringt, leidet die Perestroika in ihrem Ursprungsland an seltsamer Stagnation.

Viele Schlüsselpersonen des Wandels haben eine Geheimdienstvergangenheit. Die DDR-Militärspionage gegen Bonn und die NATO arbeitete nicht nur bis noch vor wenigen Woche weiter, sie wurde 1990 (!) sogar noch personell verstärkt. Aus dieser Abteilung gibt es keinen einzigen Überläufer. Die Anführer der Studentendemonstration in Prag Anfang 90 waren keine Kommilitonen, sondern junge perfekt agierende Geheimdienstoffiziere. Die Auflösung der Sicherheitsdienste in der DDR und der Tschechoslowakei kommt nicht recht in Gang.

Auch scheinbar reformfreudige Kirchenführer stehen im Zwielicht: Die ungarischen Bischöfe  Zoltan Kaldy  und  Gyula Nagy traten öffentlich für die Politik der Kommunisten ein. Ihre Nachfolger  Bela Harmati und Imre Szebik gelten als maßvolle Reformer. Doch auch sie waren 1987 und 1988 die Wunschkandidaten der damaligen kommunistischen Regierung.

Für Golitsyns These spricht ferner Moskaus heimliche Subventionierung maoistischer Organisationen im Westeuropa der siebziger Jahre, die Vervielfachung der Opfer „stalinistischer“ Gräuel etwa des früheren kambodschanischen Diktators  Pol Pot oder 1989/90 der Securitate durch die Nachrichtenagentur Nowosti, die Verschärfung der DDR-Repression vor der „Wende“, die wiederum angenehm kontrastierte gegen das gerade kurz zuvor besonders martialische Peking.

Doch selbst wenn es diesen Plan gibt, wofür vieles spricht, seine Durchführung ist gefährdet: Nur in Bulgarien und Rumänien sind die „Sozialisten“ (Kommunisten) noch im Zentrum der Macht. Ähnliches war wohl für Budapest, Prag und Berlin geplant. Es kam anders. Die wirtschaftliche Schwäche nötigt Moskau auf vielen Gebieten zum Einlenken. Zu viel Wahrheit kommt ans Licht. Jeder real existierende Sozialismus ist am Ende. Eine konsequente Vergangenheitsbewältigung durch Journalisten und Historiker kann dafür sorgen, dass es so bleibt. Weiter: Noch ist Deutschland in der EG. Noch strebt man die politische Union Westeuropas an. Noch gibt es Nuklearwaffen in der Bundesrepublik. Noch ist sie in der NATO. Noch stehen US-Truppen in Europa. Derweil versucht Gorbatschow, sein Reich vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren. Im Westen hochgejubelt, ist er bei den eigenen Untertanen unbeliebt. Golitsyns Buch - Schnee von gestern? Nein. Golitsyn bietet einen alternativen Blickwinkel zur Beurteilung von Gegenwart und naher Zukunft. Es lohnt sich, die Entwicklungen auch aus seiner Perspektive zu verfolgen.  – (cpc)† 

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