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Die Täuschung des Jahrhunderts

- Februar 1990 -

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Hans Graf Huyn, früher enger Berater von F.J. Strauß, heute einer der wenigen außenpolitischen Experten der Unionsfraktion, erstellte im Januar eine Analyse zum Thema „Die strategische Desinformation der Sowjetunion“. Ähnlich wie in seinem Buch „Gorbatschow - Die Doppelfalle“ weist Graf Huyn mit unbekannten Fakten und Daten nach, dass es sich bei der Reformpolitik Gorbatschows um ein gigantisches Täuschungsmanöver handelt, das mit Hilfe einer weltweiten Desinformations-Kampagne durchgeführt wird. Nachfolgend einige Teile der Analyse:

In westlichen Gehirnen das Bild der UdSSR umwandeln

Ziel Gorbatschows ist die Stabilisierung des sozialistischen Systems durch Umgestaltung der Wirtschaft mit westlicher Hilfe. Um dies zu erreichen, muss er nach der Erlangung militärischer Parität versuchen, weltweit auch moralische Parität für die Sowjetunion herzustellen. Es geht darum, das Bild von der Sowjetunion im Westen von Grund auf zu verändern. Daher die wiederholten Erklärungen Gorbatschows, Gerassimows, aber auch Schewardnadses und Gromykos, es gelte, die Gedanken und Köpfe im Westen zu beeinflussen.

Im Westen soll daher der Eindruck hervorgerufen werden, die Sowjetunion sei ein Staat wie jeder andere, auf den man unkritisch und in selbstverständlicher Weise - gewissermaßen in einer Art Spiegelprojektion - die vertrauten Verhaltensweisen westlicher Demokratien anwenden könne. Die Sowjetologin Francoise Thom bezeichnet dies treffend als „Spiegeldesinformation“. Diese Spiegeldesinformation führt dann auch semantisch zu einer moralischen Gleichsetzung von Ost und West und bei europäischen Beobachtern zu einer verbalen Äquidistanz zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion:

So spricht man nicht mehr von der weltrevolutionären und expansiven Sowjetunion gegenüber den demokratischen Vereinigten Staaten, sondern wertneutral von „den beiden Supermächten“, nicht mehr von der sich ständig steigernden sowjetischen Überrüstung und dem westlichen Versuch dem ein Minimum an Abschreckung gegenüberzustellen, sondern von „dem Rüstungswettlauf zwischen Ost und West“, nicht mehr vom Zwangsbündnis des Warschauer Pakts und der Wertegemeinschaft der Atlantischen Allianz, sondern von „den beiden Blöcken“, nicht mehr von offensiver und subversiver sowjetischer Politik gegenüber Eindämmungsversuchen des Westens, sondern vom „Wettkampf der Systeme“. Folge dieser desinformativen psychologischen Mund-zu-Mund-Beatmung von Ost und West ist dann die Überzeugung, man dürfe nur noch „gemeinsame Ziele“ verfolgen, von der Entwicklung der Dritten Welt bis zum Überleben der Menschheit und hieraus folgt dann die finanzielle Mund-zu-Mund-Beatmung von Ost und West und die Lebensverlängerung des totalitären Systems.

Hinter der Vorspielung von angeblichen Gemeinsamkeiten zwischen der Sowjetunion und dem Westen im Kampf um das „Überleben der Menschheit“ verbirgt sich der Pferdefuß sowjetischer Klasseninteressen. Professor Afanassiew schreibt hierzu: „Die KPdSU gibt den allgemein menschlichen Werten, dem menschlichen Leben Vorrang und verteidigt eine gewaltlose Welt. Sie verneint aber keineswegs den partei- und klassenmäßigen Ansatz bezüglich gesellschaftlicher Prozesse und Kriege ... Die KPdSU unterstützt die internationalen Arbeiter-, die kommunistischen nationalen Befreiungsbewegungen und führt einen unversöhnlichen Kampf gegen den Klassenfeind. Marxisten sind keine Pazifisten. Sie betrachten gerechte Befreiungs- und Verteidigungskriege als natürlich und gesetzmäßig.“

Auch Außenminister Schewardnadse bekräftigt vor den Diplomaten seines Ministeriums: „Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten war und bleibt ein in höchstem Maße parteiliches, ideologisch reines, klar organisiertes und arbeitsfähiges Organ der Sowjetmacht ... In dieser Theorie (der sowjetischen Außenpolitik) darf es keinen trennenden Gegensatz zwischen dem Proletarischen und dem Allgemeinmenschlichen geben ... Diese Konzeption ist dazu berufen, folgende Gesetzmäßigkeit zum Ausdruck zu bringen: unsere Klasseninteressen bestimmen den Kampf für die allgemein menschlichen Ideale.“

Nicht nur die Sowjetunion soll als ein „Land wie jedes andere“, sondern auch die KPdSU soll wie eine „Partei wie jede andere“ angesehen werden. Das Herauskehren einer scheinbaren innerparteilichen Demokratie soll der KPdSU sowie den anderen kommunistischen Parteien des Warschauer Paktes den Anstrich reformsozialistischer Parteien geben, was schließlich auch noch durch Namensänderung der Parteien unterstrichen werden könnte. Hier wird unter neuen Vorzeichen das aus den dreißiger Jahren stammende alte Ziel der „Aktionseinheit der Arbeiterklasse“ wieder aufgenommen. Die freiheitlichen sozialdemokratischen Parteien und die Sozialistische Internationale sind Ziel dieser alten sowjetischen Einbindungsstrategie.

So kann Jurij Krassin, Rektor des Instituts für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der KPdSU Mitte Dezember 1988 in Freudenberg gegenüber den Vertretern der Sozialistischen Internationale erklären: „Erlauben Sie mir damit zu beginnen, dass ich meine Überzeugung zum Ausdruck bringe, dass das hier stattfindende Treffen von Vertretern europäischer Parteien der Sozialistischen Internationale und der kommunistischen Parteien sozialistischer Länder ein außergewöhnliches Ereignis ist. Darin widerspiegelt sich ein einschneidender Umschwung in der gesamten geistigen Atmosphäre der Weltgemeinschaft in der gegenwärtigen Umbruchsperiode der Geschichte“. Es vollziehe sich eine „Wende von der unversöhnlichen Konfrontation zu der zivilisierten Toleranz“. Ganz offensichtlich ist es sowjetisches Ziel, zunächst eine enge Kooperation mit den freiheitlichen sozialdemokratischen Parteien und schließlich möglicherweise sogar eine Aufnahme der kommunistischen „Reformsozialisten“ in die Sozialistische Internationale zu erreichen.

Der Westen soll für Moskau arbeiten

Zur Beeinflussung des westlichen Denkens hat sich Gorbatschos die besten Kenner der westlichen Psychologie als seine Berater nach Moskau geholt. Hierzu gehört insbesondere Alexander Nikolajewitsch Jakowlew, der an der Columbia Universität in New York studiert hat und vor seiner Berufung nach Moskau zehn Jahre lang sowjetischer Botschafter in Kanada war. Bis Ende September 1988 gehörte auch der mit Gromyko eng verbundene Anatolij Dobrynin, langjähriger sowjetischer Botschafter in Washington, zu Gorbatschows Beratern. Spezialist für Deutschland ist Valentin Falin, der über Goethe promoviert hat und viele Jahre Botschafter in Bonn war. Unter Gorbatschow wurde Falin Leiter der vom KGB geführten sowjetischen Nachrichtenagentur Nowosti und schließlich der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU.

Ende November 1988 hat Gorbatschow ein strategisches Lenkungsorgan für sämtliche Aktivitäten der strategischen Desinformation und der auf die öffentliche Meinung des Westens zielenden zwischengesellschaftlichen Diplomatie eingerichtet: die vom ZK-Sekretär Jakowlew geleitete 22köpfige ZK-Kommission für Internationale Politik, in der die Schlüsselfunktionäre des sowjetischen Einfluss-und Propagandaapparates zusammengefasst sind. Mit Achromejew, Arbatow, Falin, Kowaljow, Krjutschkow, Nikiforow, Primakow, Tschernjajew und Welichow - um nur einige der wichtigsten zu nennen - sind KGB und Militär ebenso vertreten wie das Außenministerium und die offiziellen wissenschaftlichen Institute.

In einer Doppelstrategie soll nicht mehr lediglich Opposition- und Protestpotential zur Behinderung der westlichen Politik mobilisiert werden, sondern - durch die Darstellung der Sowjetunion als eines Landes wie jedes andere - die politisch-psychologische Einbindung des Westens betrieben, um Unterstützung, Vertrauen und Kooperation mit dem Ziel der Erstarkung der Sowjetunion geworben werden. In medienwirksamer Weise soll auf einen Bewusstseinswandel in der westeuropäischen und westlichen Öffentlichkeit hingewirkt werden.

Um sich als „Staat wie jeder andere“ darzustellen und um erfolgreich auf die öffentliche Meinung der offenen westlichen Gesellschaft einwirken zu können, bemüht sich die Sowjetunion, einige Werte, die den Menschen im Westen von besonders hoher Bedeutung sind, mit ihren Inhalten zu besetzen, einen Wandel innerhalb der Sowjetunion auf diesen Gebieten glaubhaft zu machen und operativ für ihre Desinformationspolitik zu nutzen. Hierzu gehören insbesondere: Frieden, Religion und Menschenrechte.

Im Gegensatz zur einfachen Desinformation handelt es sich bei der strategischen Desinformation nicht nur um die punktuelle Vortäuschung falscher Tatsachen oder um die Verächtlichmachung einzelner Persönlichkeiten, sondern um die politisch-psychologische Einbindung des Westens, damit dieser für die Erreichung der Ziele Moskaus arbeitet. Hierfür gibt es eine lange Tradition in der sowjetischen politischen Strategie:

- So hat es die sowjetische Führung zur Zeit von Lenins neuer ökonomischer Politik (NEP) wie auch zu Zeiten Stalins immer wieder erreicht, dass der Westen der sowjetischen Wirtschaft unter die Arme gegriffen hat, getreu dem Wort von Lenin: „Die taubstummen kapitalistischen Hamsterer und ihre Regierungen werden uns Kredite eröffnen, welche die Kassen der kommunistischen Organisationen in ihren Ländern füllen, und werden mit der Lieferung von Waren aller Art unsere Kriegsproduktion vergrößern und verbessern, die wir für künftige siegreiche Angriffe gegen unsere Lieferanten benötigen.“

- Anfang der zwanziger Jahre organisierte der Gründer der Tscheka, Felix Dserschinsky, die Operation „Vertrauen“, er organisierte innerhalb Russlands während des Bürgerkrieges eine angebliche Widerstandsorganisation, deren Ziel es zu sein schien, das bolschewistische Regime zu stürzen. Sowohl russische Emigranten in Europa wie auch der britische Geheimdienst fielen auf diese Operation herein und die vom sowjetischen OGPU - das war der damalige Name des heutigen KGB - kontrollierte angebliche Widerstandsbewegung konnte eine große Anzahl antisowjetischer Aktivitäten neutralisieren, dadurch zwei der führenden Generäle der „Weißen“, Kutepow und Miller festnehmen sowie die britische Regierung davon überzeugen, das bolschewistische Regime nicht militärisch anzugreifen, da dies von innen heraus geschehen werde.

- In letzter Zeit sind auch politische Einzelheiten darüber bekannt geworden, wie Stalin es meisterhaft verstanden hat, einen Krieg zwischen Hitler und den Westmächten zu fördern, dessen Ziel es sein sollte, Russland zum lachenden Dritten und eigentlichen Sieger als stärkster Kontinentalmacht Europas zu machen.

- Der in den Westen gekommene langzeitige Leiter des rumänischen Auslandsnachrichtendienstes, Generalleutnant Ion Mihai Pacepa hat in allen Einzelheiten beschrieben, wie er im Auftrag Ceausescus und im Einvernehmen mit der Sowjetunion eine großangelegte Desinformationskampagne gestartet hat, die der westlichen Welt jahrelang mit Erfolg vorgetäuscht hat, Rumänien betreibe eine von Moskau unabhängige Außenpolitik. Ziel der Kampagne war es, sowohl westliche Gelder zur Unterstützung des sozialistischen rumänischen Regimes zu erhalten, wie auch indirekt Einfluss auf westliche politische Entscheidungen nehmen zu können.

Im Rahmen der sowjetischen Gesamtkampagne sich als ein „Land wie jedes andere“ darzustellen, das westliche Hilfe verdiene, gibt es natürlich eine ganze Reihe integrierter Einzelkampagnen, so etwa zur Entnuklearisierung Westeuropas, zur Vorspiegelung voller Religionsfreiheit sowie voller Gewährung aller Menschenrechte, sowie Sonderkampagnen zur Umgestaltung des amerikanischen Sowjetunion-Bildes, sowie zum Säen von Zwietracht zwischen Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland. Heute, zur Zeit Gorbatschows erklärt Oberst I.A. Selesnjow: „Die ideologische Waffe ist im Grunde eine Waffe mit Langzeitwirkung. Um Menschen mit Hilfe ideologischer Einwirkungen zu veranlassen, in unserem Interesse zu handeln, ist Zeit erforderlich.“

Die Sowjetologin Francoise Thom kommt zu dem Schluss: „Wie kann man nun den Westen, der als gebranntes Kind das Feuer fürchtet, dazu bringen, dem kommunistischen Regime einmal mehr zu Hilfe zu eilen? Die Lösung ist einfach: Man muss die durch Breschnew verursachten Schäden wieder gutmachen, glaubhaft machen, dass das Wesen der UdSSR sich gewandelt habe. Gemäß Aussage der Kremlpropagandisten Alexander Jakowlew und Wladimir Posner... muss man in den westlichen Gehirnen „das Bild der UdSSR umwandeln“. Aus diesem Grunde kam es denn auch zur Glasnost, die in der nichtkommunistischen Welt den Gedanken einprägen will, die UdSSR sei, weil sie die gleichen Leiden kenne wie wir, ein Land wie jedes andere auch... Ziel der Glasnost ist die Förderung der Desinformation im Spiegel, um vergessen zu lassen, dass die Sowjetunion ein totalitärer Staat ist und bleibt“.

Alexander Sinowjew, langjähriges Mitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften schreibt hierzu: „In einer kommunistischen Gesellschaft ist die Glasnost lediglich ein scheinheiliges Mittel der Desinformation und Manipulation des kollektiven Gewissens... unter den heutigen Umständen ist die Sowjetführung sogar bereit, mit den Problemen im Westen vergleichbare Fehler aufzuzeigen, um sich einen westlichen Anstrich zu geben.“

Der Erfolg der umfassenden sowjetischen Desinformationskampagne und dessen, was die westlichen Beobachter und Zeitungsleser über Veränderungen in der Sowjetunion wahrnehmen oder wahrzunehmen glauben, bleibt nicht aus. Das Schweizerische Ostinstitut kommt in einer Standortbestimmung und Analyse der Situation zu dem Schluss, dass Gorbatschow einen starken Eindruck auf die Öffentlichkeit in Westeuropa und in Amerika ausgeübt habe. Die „... Ansätze zu einem tiefgreifenden Wandel und mithin zu einer Öffnung der bislang geschlossenen Gesellschaft haben in Verbindung mit einem starken, wenn auch nur latent vorhandenen, westlichen Wunschdenken zu beispiellosen Entspannungserwartungen geführt. Nach Auffassung vieler Westeuropäer hat sich die Bedrohungslage drastisch verändert. Die außenpolitische Gefahr, der Hegemonieanspruch der UdSSR und deren politische Kriegsführung, erregen kaum mehr Bedenken und erzeugen wenig Abwehrreflexe“.

Mit Befriedigung vermerken die Medien im sowjetischen Machtbereich den zunehmenden Widerspruch gegen die NATO-Strategie der nuklearen Abschreckung und die angeblich mangelnde Abrüstungsbereitschaft des Atlantischen Bündnisses. Professor Dr. Otto Reinhold, Mitglied des Zentralkommitees der SED und Rektor der Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED erklärt: „Die alte antikommunistische Lüge von der Gefahr aus dem Osten ist in letzter Zeit tief erschüttert worden.“

In Moskau erklärt der Direktor eines auch mit Desinformation befassten Institutes - des IMEMO-Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen - Professor Jevgeni Primakow, Kandidat des ZK der KPdSU: „Den Anti-Sowjets im Westen wird es immer schwerer, das von Ihnen künstlich geschaffene Bild der UdSSR als eines militärischen, undemokratischen Staates aufrecht zu erhalten, der über der Welt schwebt nur auf Expansion besinnt. Umfragen in den USA und westeuropäischen Ländern zeugen davon, dass dieses Hirngespinst der Konfrontation mit der Perestroika, der Glasnost in der UdSSR und der konstruktiven Außenpolitik der Sowjetunion nicht standhält. Die Popularität des Sowjetstaates und unserer Führung im Ausland, sowohl bei der Masse des Volkes wie auch bei der Intelligenzschicht ist präzedenzlos geworden.“ Moskaus Desinformationskampagne zur Einbindung des Westens greift.

Alexander Jakowlew hat die sowjetische Desinformationsstrategie auf den kürzesten Nenner gebracht: Mit dem Schwinden der sowjetischen Bedrohung wird auch das amerikanische Imperium verschwinden. Georgij Arbatov, außenpolitischer Berater sowohl Breschnjews wie Gorbatschows, bringt es auf den Punkt: „Die UdSSR wird Euch das Schlimmste antun: sie wird Euch den Feind wegnehmen.“ - (cpc)†

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