Top-GBrief-2

Sowjetunion plante atomaren Überfall auf Westeuropa

- September 2008 -

Aus den früheren Ländern des Warschauer Paktes tauchen vermehrt Dokumente auf, aus denen sich die militärischen Planungen der kommunistischen Herrscher in Moskau ergeben. Hans Rühe und Michael Rühe haben die Dokumente geprüft und darüber in Zeitungen berichtet. Hans Rühe ist der ehemalige Chef des Planungsstabes im Bonner Verteidigungsministerium, Michael Rühe leitet den Planungsstab in der politischen Abteilung der NATO in Brüssel.

Hintergrund: Jahrzehntelang verfügte der Westen nur über bruchstückhafte Erkenntnisse über die Kriegsplanung des Warschaupaktes. Erst jetzt beginnt sich die Lage zu ändern. Früher geheime Quellen werden zugänglich. Zwar gelangten im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ungefähr 25.000 Dokumente der Nationalen Volksarmee (NVA) in den Besitz des deutschen Verteidigungsministers, aus denen sich die operative Planung mit hoher Genauigkeit ableiten ließ. Das Fehlen konkreter Kriegspläne relativierte jedoch alle Aussagen über die militärischen Planungen des östlichen Bündnisses. Erst jetzt beginnt sich die Lage zu ändern. Während Russland jede Einsicht in einschlägige Dokumente noch verweigert, haben andere osteuropäische Staaten Unterlagen freigegeben, aus denen sich die Kriegsplanung des Warschaupaktes, die de facto eine sowjetische war, erschließen lässt. So wartet der tschechische Historiker Peter Lunak, dessen vielbeachtetes Buch über die tschechoslowakische Kriegsplanung von 1950 bis 1990 demnächst in einer englischen Übersetzung erscheinen wird, mit zahlreichen neuen Erkenntnissen auf. Dabei ist die von Lunak korrekterweise vorgenommene Einschränkung auf tschechoslowakische Pläne richtig und wichtig, die Dokumente geben jedoch so umfassend Einblick in den militärischen Gesamtkomplex, dass alles Übrige mühelos erschlossen werden kann.

Die Quellenlage dürfte sich weiter verbessern, wenn die rund 1.700 Dokumente, die von der polnischen Regierung zur wissenschaftlichen Auswertung freigegeben wurden, übersetzt sein werden. Hinzu kommt, dass die echten Kriegspläne vielfach dicht an den Übungsszenarien liegen, die dem Westen in Ostberlin in die Hände gefallen waren. Die wichtigste Erkenntnis aus diesen Dokumenten: Der Warschaupakt plante bis in die späte Hälfte der achtziger Jahre einen präventiven, regional begrenzten Atomkrieg in Europa. Das östliche Militärbündnis hätte den Krieg nicht konventionell eröffnet, sondern nuklear - und dies so frühzeitig, dass die eigene Aussage von einem Verteidigungskrieg (d. h. einem Angriff in die laufenden Kriegsvorbereitungen der NATO hinein) ad absurdum geführt worden wäre.

Auf den ersten Blick widerspricht ein solches Ergebnis allen Erwartungen. Gingen nicht alle Annahmen der NATO von einem Angriff des Warschaupakts mit konventionellen Streitkräften aus, die rasch nach Westen vorstoßen, die nukleare Infrastruktur der NATO zerstören und damit die nukleare Einsatzoption der Allianz unterlaufen könnten? Und war dies nicht der Grund für die wachsende Bedeutung, die man den konventionellen Kräften des Westens zubilligte? Die Antworten auf diese Fragen ergeben sich, wenn man sich vorbehaltlos auf das militärstrategische Kalkül der Sowjetunion einlässt, wie es sich aus den Kriegsplänen ergibt. Dann wird nicht nur deutlich, dass die Strategie eines präventiven, also unprovozierten nuklearen Überraschungsangriffs aus sowjetischer Sicht durchaus rational war, man erkennt auch, dass die Ideologie die militärische Planung weitaus stärker beeinflusste, als man im Westen glaubte. Der Angriffskrieg war schon früh in der sowjetischen Strategie etabliert. Diese sah auch die Möglichkeit vor, ihn von Anfang an auf gegnerischem Territorium auszutragen.

Die entscheidende Wende in der Kriegsplanung des Waschauer Pakts vollzog sich jedoch zu Beginn der sechziger Jahre mit der nuklearen Revolution in der sowjetischen Militärstrategie. Nukleare Gefechtsfeldwaffen galten nun als die moderne Artillerie, mit der man sich den Weg durch die feindlichen Kräfte freischießen würde. Zwar zeigte die Kubakrise von 1962, dass ein strategisch-nuklearer Schlagabtausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion nicht beherrschbar wäre. Für möglich hielt man aber einen begrenzten Nuklearkrieg in Europa.

Diese Überzeugung, verbunden mit dem seit Stalin für die sowjetische Militärstrategie konstitutiven Prinzip, einen künftigen Krieg durch frühzeitige Reaktion auf kriegsvorbereitende Maßnahmen des Gegners selbst auszulösen, verdichtete sich zunächst zu einer konsequenten Planung eines nuklearen Überfalls. Einige Verbündete der Sowjetunion vermuteten daher schon damals, dass die Planer in Moskau ein Großmanöver der NATO zum Anlass nehmen würden. Die Großübung „Burina“ von 1961 spiegelt diesen Ansatz beispielhaft wider. Wie sich aus dem Sprechzettel des DDR-Verteidigungsministers Hoffmann ergibt, signalisierten konkrete Erkenntnisse der Aufklärung, dass der Westen den Krieg am 6. Oktober um 12 Uhr 08 beginnen würde. Dies „beantwortete“ der Osten mit einem nuklearen Erstschlag bereits um 12 Uhr 05, also drei Minuten früher. Dabei sollten 422 nukleare Gefechtsköpfe allein auf westdeutschem Territorium detonieren. Doch auch dabei sollte es nicht bleiben. Bereits die gut dokumentierte Planung von 1964 zeigt eindeutig den Übergang zum begrenzten Nuklearkrieg in Europa. Zwar deutet das Dokument die Möglichkeit eines westlichen Überraschungsangriffs unter Einsatz nuklearer Waffen an. Die Tatsache jedoch, dass in der konkreten Kriegsplanung davon nicht die Rede ist und auch keinerlei Folgewirrungen beschrieben werden, sagt alles. Einmal mehr zeichneten die sowjetischen Planer die westliche „Aggression“ als so hoffnungslos dilettantisch, dass sie grenznah gestoppt werden konnte und keinen Einfluss auf die weitere Kriegsführung des Warschaupakts hatte.

Nur so war eine Planung möglich, bei der der Warschaupakt nach Abwehr einer Aggression der NATO sofort mit allen nuklearen Angriffsmitteln und kampffähigen konventionellen Streitkräften zum nuklearen und konventionellen Großangriff in Richtung Westeuropa übergehen konnte. Die Annahme eines westlichen Überraschungsangriffs war also nie mehr als eine schlecht erdachte Fiktion. Tatsächlich geübt wurde offensive Landkriegsführung in Westeuropa. Der Krieg würde also mit einem nuklearen Überraschungsschlag gegen Ziele in Westeuropa beginnen, um die NATO nuklear zu entwaffnen und konventionell entscheidend zu schwächen. Der anschließende Kriegsverlauf sah eine schnelle Westbewegung der eigenen Truppen vor, die nur erreicht werden konnte, wenn kein ernsthafter Widerstand mehr gebrochen werden musste. Daneben aber gab es immer eine Alternative zum möglichen Kriegsverlauf. Wie Prof. Tsygicho, der zwischen 1962 und 1971 an der Erarbeitung der Kriegspläne in Moskau mitgewirkt hatte, jüngst erklärte, bestand ernsthaft die Aussicht, dass der Feind nach einem Nuklearschlag kapitulieren würde. Diese Möglichkeit bestand durchaus. Wie westdeutsche Spitzenmilitärs Anfang der sechziger Jahre in einer vertraulichen Analyse feststellten, würde nach einem massiven Nuklearschlag des Warschaupakts die Aufnahme von zusammenhängenden, geordneten Verteidigungsoperationen auf westdeutschem Territorium nicht mehr möglich sein.

Wie man sich den Krieg gegen die NATO konkret vorstellte, lässt sich zurzeit im Detail nur für den Gefechtsstreifen der durch die sowjetischen Verbände verstärkten tschechoslowakischen Armee illustrieren. Dieser umfasste große Teile Bayerns, Baden-Württembergs bis zur Schweizer Grenze und weiter beiderseits der Achse Straßburg-Epinal-Dijon-Langes-Besançon-Lyon. Für den nuklearen Überraschungsschlag waren 131 Nuklearwaffen vorgesehen, davon 41, um die zwischen der tschechoslowakischen Grenze und der Linie Würzburg-Erlangen-Regensburg-Landshut stationierten NATO-Truppen zu zerschlagen. Die restlichen 90 Nuklearwaffen hatten zwei weitere Ziele: Die nuklearen Angriffsmittel und die Führungszentren der amerikanischen 7. Armee. Abhängig von der konkreten Lageentwicklung war ein weiterer Einsatz von knapp 100 Nuklearwaffen vorgesehen, um die strategischen und operativen Reserven der NATO entscheidend zu schwächen und bisher nicht erkannte nukleare Angriffsmittel zu zerstören. Am 7. oder 8. Tag hätten die Streitkräfte des Warschaupakts den Rhein überschritten und den Raum Langres-Besançon erreicht, am 9. Tag Lyon. – (cpc)†

- 151008139.1111 -

Seite noch oben

Index: Kommunismus

Mystik

AKE-Visionen

       Bitterlich   

Exorzismus

GB-Visionen

 

Zeitung

Mystik

SB

 

Externe Links

Top-GB-Engelwelt