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Sonderblatt Nr. 16/93

Wehners düstere Vergangenheit

Derzeit sind die Magazine voll von Offenbarungen über Wehners Rolle Ende der 30er Jahre im Moskauer Exil. Es scheint festzustehen, daß Wehner damals einer der wichtigsten Funktionäre der KPD und der Komintern war und daß er, aus welchen Gründen auch immer, an der Überstellung von deutschen Kommunisten an den NKWD und damit an Haft und Tod dieser Leute maßgebend beteiligt war. Umso ungereimter ist darauf sein Verhalten in Schweden, wohin er 1941 von der Komintern geschickt worden war, zu bewerten. Das beginnt schon mit dem seltsamen „Himmelfahrtskommando“ der Komintern, daß Wehner 1941/42 über Schweden nach Deutschland gehen sollte um dort die illegale KPD wieder aufzubauen. Die Chancen hierfür waren zu dieser Zeit gleich Null. Und trotzdem schickt die Komintern einen ihrer besten Leute auf diese Tour? Seltsam.

In Schweden verhält sich der alle Finessen der Konspiration kennende Wehner so regelwidrig naiv, daß er von der schwedischen Polizei regelrecht festgenommen werden mußte. Seltsam. Während der Untersuchungshaft singt Wehner dann wie eine Lerche, so daß der größte Teil des kommunistischen konspirativen Apparates in Schweden nichts mehr wert war. Weshalb packte Wehner so geständnisfreudig aus? Die schwedische Polizei hatte doch keine Daumenschrauben angelegt. Seltsam. 1942 wird dann Wehner vom 7K der KPD in Moskau mit Schimpf und Schande aus der KPD ausgeschlossen. Verräter, Renegat, Lump und Schurke waren die Kosenamen, die die KPD ihrem bislang so wichtigen Funktionär nachschickte, ohne daß sich der verteidigen konnte und es auch von Schweden her nicht tat.

Aber mußte Wehner eigentlich nicht um sein Leben fürchten? Das „Treueverhältnis“ in kommunistischen Funktionärskreisen gehörte zu den wichtigsten Prinzipien der Bolschewiken. Es gibt ungezählte Beispiele, wo untreu gewordene KP-Funktionäre liquidiert wurden. Aber Wehner geschah nichts. Im Gegenteil, als Ulbricht Weihnachten 1945 Honecker den Auftrag gab, von Berlin aus in die Westzone zu fahren und alte kommunistische Genossen zum 70jährigen Geburtstag Wilhelm Piecks einzuladen, wies er Honecker auch an, in der britischen Zone nachzusehen, ob Herbert Wehner dort schon eingetroffen war und ihn herzlich zu begrüßen. Wie das? Drei Jahre zuvor hatte Ulbricht Wehner noch als Oberverräter aus der KPD ausgeschlossen und nun sollte er „herzlich begrüßt“ werden?

Wenn Ulbricht Honecker eine Pistole in die Hand gedrückt hätte mit dem Auftrag, Wehner zu erschießen, wäre das konsequenter gewesen. Aber so? Und woher wußte Ulbricht damals eigentlich, daß Wehner in die britische Zone ging? (Wehner begab sich Anfang 1946 tatsächlich in die britische Zone nach Hamburg). Seltsam, seltsam! Dazu muß man die Frage stellen, wieso der Kreml Wehners spätere große politische Rolle in der SPD so ohne weiteres duldete? Gegen Wehner lag in Moskau so viel belastendes Material vor, daß es ein leichtes gewesen wäre, Wehner durch eine Indiskretion in irgendeiner westlichen Zeitung politisch total zu erledigen. Seltsam? War die ganze Schwedenaffaire Wehners nur eine groß angelegte Camouflage, um den Übergang zur SPD überzeugend zu machen?

Wehners politisches Aufgabenfeld wurde danach die SPD. Hier widmete er sich ganz besonders der Deutschlandpolitik, wobei er sich bemühte, immer einen Weg zusammen mit der DDR bzw. den Sowjets zu finden. Siehe seinen Deutschlandplan von 1959. Nach dem Wahldebakel der SPD 1958 und dem Kurswechsel der SPD mit ihrem Godesberger Programm hatte Wehner offensichtlich begriffen, daß die Umsetzung seiner deutschlandpolitischen Vorstellungen nur mit einer SPD in der Regierungsverantwortung möglich sein könnte. (Zu dieser Zeit hatte Wehner nicht wenige Kontakte zu führenden Vertretern der SED und Moskaus. Gab es da Absprachen?) Daher seine erfolgreichen Bemühungen um eine Koalition mit der CDU. Eine SPD mit linker Politik hatte und hat in Deutschland keine Chance.

Koalitionsübereinkommen war u.a., das Mehrheitswahlrecht einzuführen, damit es im Parlament nur zwei Parteien geben sollte. Dem Autor dieser Zeilen vertraute Wehner 1969, kurz vor den damaligen Bundestagswahlen, an: „Wir müssen mit der CDU noch einmal eine Koalition eingehen und das Mehrheitswahlrecht (das die SPD bis 1969 u.a. wegen Willy Brandts Widerstand nicht beschlossen hatte) einführen. Wenn wir geschickt vorgehen und alles Schlechte der CDU anlasten, kann die SPD 1973 die absolute Mehrheit haben.“

Willy Brandt vermasselte mit seiner sozialliberalen Koalition zusammen mit der FDP die Wehner-Pläne - und der SPD die Chance auf die absolute Mehrheit. Wütend arrangierte Wehner sich mit dieser Brandt-Politik und stütze sie solange, wie sie sich allein halten konnte. Als die SPD/FDP-Regierung ernsthaft gefährdet war, fuhr Wehner nach Moskau und haute, ausgerechnet dort, den Brandt Willy in die Pfanne. Unmittelbar darauf kam es zu der dubiosen Spionagegeschichte Guillaume. Und als das nicht zum Rücktritt von Brandt reichte, kam es zum Treffen in Münstereifel mit den obskuren Fotos. Nun mußte Brandt zurücktreten und die sozialliberale Koalition mit ihrer Moskaufreundlichen Entspannungspolitik war gerettet.

Man kann heute darüber sinnieren, welche Politik Wehner mit der SPD bei einer absoluten Mehrheit gemacht hätte. Das Szenario war groß genug. Unter dem Gesichtspunkt einer stark nach links abgetrifteten SPD in den 70er Jahren und der Vorstellung der 68er Generation, die die SPD immer mehr beherrschte, von einem geteilten Deutschland, das in seinem östlichen Teil sozialistisch mit zunehmenden demokratischen Tendenzen und in seinem westlichen Teil demokratisch mit sozialistischen Tendenzen gewesen wäre, ist es schon erlaubt, anzunehmen, daß Wehner daran gedacht haben mag, die Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik von ihrer einseitigen Westbindung aus mehr in die Mitte zwischen den Blöcken zu rücken (der Rapaczki-Plan läßt grüßen!) und damit den Außen- und Sicherheitsinteressen Moskaus entgegenzukommen.

Das würde eine, wenn sie denn stimmen sollte, Aufschlüsselung der seltsamen Verhaltensweisen Wehners in Schweden ergeben und Wehners politische Aufgabe in Deutschland nach 1945 erhellen. Danach könnte der Kreml bereits 1941 durch die ungebrochene Kriegsführung Großbritanniens und vor allem durch das Eingreifen der USA realistischerweise davon ausgegangen sein, daß bei einem Sieg über Deutschland ein kommunistisches Gesamtdeutschland wegen des Widerstandes des Westens nicht zu verwirklichen sein werde. Als Beweis für diese These könnte Stalins Belehrung der deutschen Kommunisten Pieck, Ulbricht, Oelßner und Ackermann am 5. Juni 1945 in Moskau dienen, als Stalin den überraschten KPD-Funktionären eröffnete, daß es kein Gesamtdeutschland geben würde, sondern daß aus der sowjet. Zone ein deutscher sozialistischer Staat geformt werden soll. Auf Einwände der KPD-Funktionäre wies Stalin sie zurecht: „Die Politik wird hier in Moskau gemacht. Die deutschen Kommunisten haben sie durchzuführen!“ So die Aufzeichnungen von Wilhelm Pieck über dieses Gespräch.

Also stellte man sich auf diese Situation ein. Für die sowjetische Zone mit den Bajonetten der Roten Armee war der gnadenlose Ulbricht der richtige Mann, dort den Sozialismus „aufzubauen“. Für den Westen war der Beste aus dem Reservoir der deutschen KP-Funktionäre, Wehner, vorgesehen. Nicht für die KPD. Dafür genügten die altgedienten KP-Funktionäre. Nein, analog zu den Praktiken des M-Apparates der Komintern vor 1933, war die SPD für Wehners neue Aufgabe ausersehen.

Wehner war dafür bestens geeignet. Bereits 1933 bis 35 hatte er von Dimitroff den Auftrag gehabt, an der Saar, das damals noch unter französischer Verwaltung stand, eng mit den Sozialdemokraten gegen die Nazis zusammenzuarbeiten.

Verstrickt in die kommunistische Spinnenwelt Moskaus, von der er sich, trotz seiner Hingabe für die parlamentarische Demokratie, nicht wirklich lösen konnte (und durfte), meinte er wohl dennoch, daß von dieser Seite langfristig mehr Heil zu erwarten sei, als von der westlichen. Schade, Wehner hat den Zusammenbruch des Sozialismus bewußt nicht mehr erlebt. Seine Aussage hierzu wäre mehr als aufschlußreich gewesen, wenn er denn dazu bereit gewesen wäre.

Für den Kurt-Schumacher-Kreis Hermann Kreutzer

(Ministerialdirektor i.R.)

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